Schon viele Jahre beobachte und begleite ich die künstlerische Entwicklung von Marie-Claire Feltin und kann ihrer technisch und farblich brillanten Malerei mit großem Vergnügen immer wieder neue Seiten abgewinnen, zumal sich auch bei wiederholter Betrachtung die Freude an ihren luziden Farbschichtungen, ihren delikaten Lineamenten und ihren vieldeutigen Formungen bisher nicht abnutzen konnte. lmmer wieder bewundere ich ihre Fähigkeit, durch lasierend aufgetragene hauchfeine Schichten die Farbe zum Leuchten zu bringen und genieße die Art und Weise, wie sie mit zähem, pastosem Farbauftrag die Farbtöne zum Klingen bringen kann. Vertikal oder diagonal schwingende Linien in kontrastierenden Farben geben weichen, organischen Formen Kontur und lassen kraftvoll strahlende Verdichtungszonen entstehen.

Marie-Claire Feltins Malerei geht von der Figuration aus. Viele Jahre hat sie sich mit den Formen des Leibes und den Beziehungen von Körpern zueinander beschäftigt und diese in einem inzwischen mehr als tausend Werke umfassenden Oeuvre ausgelotet. Ihre Malerei hat sich in den letzten Jahren immer stärker zu einer Abstraktion hin entwickelt, die auf sehr besondere Weise nicht körperlos und auch nicht gestisch-expressiv ist, sondern eine sehr eigenständige und eigenwillige Formung von Bildobjekten erarbeitet. Diese sind sichtbar körperlich, aber eher von den inneren Formen, seinen Organen und den Hohlräumen des Körpers - also dem, was am Körperlichen normalerweise NICHT sichtbar ist - abgeleitet ist.

Brigitte Hammer, Kunsthistorikerin

Für Marie-Claire Feltin ist nicht nur die äußere Gestalt des Körpers bildwürdig, sie interessiert sich ebenso für das, was sich unter der Haut verbirgt, nicht im Leonardo'schen Sinne einer Anatomiestudie, sondem als etwas, das man die Schönheit der Teile bezeichnen könnte, die den Körper funktional und lebendig machen. Muskelstränge, Sehen, Adern, Knochen, Organe wie das Herz, Lymphbahnen, rote Blutkörperchen, Gewebeschnitten, Zellformationen … all das fügt sich zu abstrakten Formen, die in Bewegung scheinen, die pulsieren, die auf sanfte Weise vegetativ und ein wenig rätselhaft wirken. Auch das sind Lebenslinien. Der innere und der äußere Körper werden in vielen ihrer Bilder einander ähnlich. Was nun der Betrachter darin sehen kann oder möchte, ist ihm überlassen, abstrakte Komposition oder lebendige, atmende Anatomie. Die Titel, oft eher geheimnisvoll als erhellend, lassen viele Deutungen offen.

Alexandra Otto, Kunsthistorikerin